Sie sind hier: Reisebericht
08.12.2021
Pashmina Pflege

Reisebericht

Tagebuch eines Reisenden

„In den umliegenden Häusern wird die flauschige Wolle mit uralten Holzrädern und mit viel Fingerspitzengefühl versponnen. Hierbei sind es meist die älteren Kashmiri Frauen, die diese Kunst beherrschen, extrem dünne und stabile Fäden zu spinnen und die damit den Grundstock legen für die weichsten und feinsten Schals der Welt.

In der Werkstatt im Nachbardorf werden die Schals in einem fantastischen Ambiente von Farbe und Hitze gefärbt. Zwischen züngelnden Flammen, wallenden Rauchwolken und aufsteigendem Dampf arbeiten die Männer an blubbernden Kesseln, tunken die Wolle mit langen Holzpaddeln in die Farbe und tauchen sie immer wieder unter, bis sie der Farbe von ihren Farbmustern entsprechen.

Aus einer weiteren Webwerkstatt sitzen die Weber, auf drei Seiten von Fenstern umgeben, still auf ihren Bänken und lassen die polierten Hartholzschiffchen auf ihren alten Holzwebstühlen hin und her gehen, während sie den breiten Kamm sachte an den Durchschuss heranziehen.
Ein leichter Luftzug kühlt die Werkstatt, und außer dem Schnippschnapp der Scheren und einer gelegentlichen Unterhaltung im Flüsterton herrscht Stille im Raum.

Elektrische Webstühle der gleichen Breite wie diese könnten sieben oder mehr Nutzschals pro Tag herstellen, doch die Feinheit des Pashmina-Garns erfordert immer noch den Einsatz von handwebstühlen, und es kann bis zu einer Woche dauern, bis ein Schal damit gewebt ist.

Wenn wir einen Schal gegen das Fenster halten, sehen wir das feine Gewebe. Echter Pashmina schimmert, und man sollte leicht durch den Schal hindurchsehen können, wenn das Licht von hinten darauf fällt. Er besitzt aufgrund des Handwebstuhls ein charakteristisch unregelmäßiges Webmuster.

In einer anderen Werkstatt bei Shrinagar sitzen die Männer entlang der Wände eines langen Raums mit dem Rücken zu hohen Fenstern. Durch sie fällt ein gleichmäßiges, diffuses Licht auf ihre Arbeit. Sticken ist eine Tageslichtarbeit, da die beste Arbeit nicht bei künstlichem Licht geleistet werden kann.

Die Schals werden mit einem schmalen oder einem breiten Saum bestickt und die Stickerei wird stets mit Seidengarn ausgeführt. Immer nur eine Person bestickt einen bestimmten Schal, weil jeder mit einer etwas anderen Fadenspannung stickt, die beibehalten werden muss, damit das fertige Teil dann von einem Saum zum anderen gleich ist.

Die Sticker nehmen die Arbeit auf, wenn sie etwa 18 Jahre alt sind, und die meisten hören ungefähr mit 50 auf, oder wenn ihre Augen schlechter werden. Weil die meisten gleichzeitig Bauern sind, ist es eine saisonale Arbeit. In ihren Farben und Mustern stellen die Sticker oft die Blumen und die Bäume Kashmirs dar.

Es gibt häufig Motive wie das Blatt des Chinar-Baums, der die Landschaft Kashmirs seit den Zeiten der Mogulenherrscher bestimmt. Ebenso finden wir das uralte indische Paislay- Muster in unbeschreiblichen Ausführungen und einer enormen Farbenvielfalt.

Die Sticker arbeiten mit einer Auswahl von über 10.000 Mustern, die im Laufe der Generationen von ihren Familien immer weiter entwickelt und vererbt werden. Diese sind in Holzstöcke eingraviert worden. Mit wasserlöslicher Tinte werden die Stickereivorlagen auf die Schals gestempelt. Ein kleines Probestück wird fertiggestellt, und wenn es gut aussieht, beginnt der Sticker mit seiner langen Arbeit. Ein Spitzensticker kann bis zu 400 Rupien (8$) pro Tag verdienen.

Jeder Schal ist ein Unikat. Die Kunsthandwerker folgen den traditionellen Mustern, aber die gute Handarbeit verrät den individuellen Stil des jeweiligen Stickers. Deshalb sind auch keine zwei Schals jemals genau gleich.Wenn die Schals fertig sind, sind sie so schmutzig, dass man sie kaum erkennen würde. Erst wenn der fertige Schal am Ufer des Jhelum-Flusses gewaschen worden ist, zeigt er seine ganze Schönheit.

In einer anderen Werkstatt im nächsten Dorf namens Busarbu summten die Sticker bei ihrer Arbeit leise vor sich hin. Sie reichten eine blubbernde Wasserpfeife von einem zum andern, und der Raum war mit einem leichten Nebel süß riechenden Tabakrauchs angefüllt. Mehrere Männer arbeiteten an durch und durch bestickten Jamavar-Schals.

Wenn einer fleißig daran arbeitet und nur während der Ackerbausaison frei nimmt, kann er diese Art von Schal in drei Jahren fertig stellen. Oft jedoch braucht ein Sticker für einen Jamavar-Schal von höchster Qualität sechs oder sieben Jahre. Da die Jamavar- Stickerei eine so hohe Konzentration erfordert, arbeiten die jüngeren Männer oft lieber an weniger schwierigen Schals.

Die bestickten Jamavar-Schals werden gewöhnlich von Frauen getragen; Männer bevorzugen meist einen Schal mit einem Minimum an Stickerei.“